Gewebter Protest

Die norwegische Textilkünstlerin Hannah Ryggen in der Frankfurter Schirn. Noch bis 12. Januar.

Die 1894 in Malmö, Schweden, zur Welt gekommene Hannah Ryggen, geborene Jönsson, war nicht nur eine ungewöhnliche Weberin und Künstlerin. Heute würde man sagen, sie war auch eine politische Aktivistin. Zur Lehrerin ausgebildet unterrichtet sie ab 1912 an einer schwedischen Grundschule. Ab 1916 nimmt sie im südschwedischen Lund Abendunterricht bei dem Maler Fredrik Krebs und erlernt sechs Jahre lang die Grundlagen akademischer Malerei. 1922 reist Hannah Jönsson nach Dresden und studiert dort einige Monate die Kunstsammlung der Gemäldegalerie Alte Meister sowie in München die Werke der Alten Pinakothek. Dabei lernt sie den norwegischen Maler Hans Ryggen kennen. Nach Malmö zurückgekehrt gibt sie das Malen auf und widmet sich ganz dem Weben.

Hannah Ryggen, Textilkunst

Hannah Ryggen, Drømmedød (Tod der Träume), 1936, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 235 x 273 cm, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Photo Anders Sundet Solberg.

Hannah Ryggen, Jul Kvale

Hannah Ryggen, Jul Kvale, 1956, Bildteppich aus Wolle und Leinen, 200 x 190 cm, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum (Nationales Museum für Kunsthandwerk und Design), Trondheim © H. Ryggen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Photo Anders Sundet Solberg.

Nach ihrer Heirat mit Hans Ryggen 1923 zieht Hannah Ryggen ein Jahr später in die norwegische Küstenregion Ørlandet. Im gleichen Jahre 1924 bringt sie ihre Tochter Mona zur Welt. Viele Jahre lebt die Familie im selbstgebauten Haus ohne fließendes Wasser und Strom und versorgt sich weitgehend autark. Das entbehrungsreiche, harte Leben auf dem Land hält Hannah Ryggen nicht davon ab, mit ihren monumentalen Wandteppichen ein eindrucksvolles Werk zu schaffen.

In ihren gewebten Bildern befasst sich die Künstlerin vor allem mit den Ereignissen und politischen Auseinandersetzungen im Europa der 1930er- und 1940er-Jahre. Doch auch nach 1945 erlöschte ihr politisches Engagement mit den Mitteln ihrer Webkunst nicht. So kritisiert Hannah Ryggen in einem Wandteppich von 1962 noch im Alter von 72 Jahren den Krieg der Amerikaner in Vietnam. „In einer Gegenwart, die von zunehmender Ungleichheit, Nationalismus und Populismus geprägt ist, zeugen ihre Werke von erschütternder Aktualität“ heißt es zur Ausstellung in der Frankfurter Schirn.

Hannah Ryggen, Bildteppich

Hannah Ryggen, Blod i gresset (Blut im Gras), 1966, Bildteppich aus Wolle und Leinen mit Flor, 240 x 290 cm, KODE – Kunstmuseen und Komponistenhäuser, Norwegen, VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Photo Dag Fosse / KODE.

Lange Jahre kämpfte Hannah Ryggen auch darum, mit ihrer Disziplin des Webens als Künstlerin anerkannt zu werden. 1959 erhielt sie die Prins Eugen Medaille als Anerkennung für herausragende künstlerische Leistungen im Bereich Kunsthandwerk. 1964 repräsentierte Hannah Ryggen Norwegen auf der 32. Biennale von Venedig. Sechs Jahre vor ihrem Tod 1970 erhält sie einen letzten großen Auftrag für den Ratssaal der Universität Oslo. Die Jury der traditionsreichen Høstutstillingen (Herbstausstellung) in Oslo präsentiert Ryggens Arbeiten in der Sektion Malerei. Auch die Präsentation ihrer Bildteppiche auf der documenta 13 in Kassel 2012 und die Einzelausstellung in der Schirn zeigen, welch herausragende Bedeutung die Kunstwelt heute der mutigen Webkünstlerin aus Norwegen beimisst.

Ausführliche Besprechungen bedeutender Werke in der Printausgabe von Art Aurea Nr. 39, die am 15. Februar erscheint.

  • Schirn Kunsthalle Frankfurt
    Römerberg
    60311 Frankfurt
    Deutschland
  • Ausstellungsrundgang mit Performance am 4. Dezember sowie am 11. Januar 2020.
  • Link

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