Es gab einmal eine Zeit, da hatte das Wort Design einen geradezu magischen Klang. War die gute Form in der Nachkriegszeit vor allen mit der Hoffnung verbunden, das Land nach den Schrecken der Nazizeit zu erneuern, zu entstauben und die Dinge zu verbessern, so war das Design seit den 1980er Jahren Ausdruck eines fortschrittlichen Lebensstils. Namen wie Dieter Rams, Richard Sapper oder Jasper Morrison, von Stararchitekten wie Richard Meier oder Tadao Ando gar nicht zu reden, wurden mit Bewunderung, nicht selten mit Ehrfurcht ausgesprochen. Daran änderte sich in den goldenen Achtzigern auch nichts, als aus Italien die Postmoderne in Architektur und im Möbeldesign die Welt mit bunten Farben, Kügelchen und Türmchen zu beeindrucken suchte. Hierzulande macht das Neue deutsche Design mit ironischen, kunstnahen und teils kitschigen Entwürfen von sich reden. Führende mittel- und nordeuropäische Designer blieben lieber schlicht.

Corinna Heller, Perlenring Achter. Ming-Perle, Rotgold 750, Saphire. Armband Achter. Roségold 750, Weißgold 750, Brillanten zimt natur, Kordel. Fotos Brigitte Häussermann. www.corinnaheller.de

Angela Hübel, Ring Regatta. Gold 750, Granat. © Angela Hübel. www.angelahuebel.de

Johanna Otto, Creole Cambio. Gelbgold 750, in zwei Größen erhältlich. www.johannaotto.de

Oliver Schmidt, Ohrschmuck La Linea. Gelbgold 750. www.ol-schmidt.de

Vera Rhodius, Ohrschmuck. Glas, Silber feingoldplattiert, Inhorgenta, Halle B2, Stand 141. www.vera-rhodius-schmuck.de
Die Designeuphorie hatte in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch den Schmuck erreicht. Der Anspruch der neuen Schmuckdesigner in Europa, darunter zunehmend Frauen, war aber nicht nur eine bessere Gestaltung. Es ging nicht zuletzt darum, die „seelenlose“ Produktionsweise und Geisteshaltung, die weitgehend in der Schmuckindustrie herrschte, zu überwinden. Hinzu kam das Bedürfnis, auch die traditionelle Goldschmiedekunst in den Werkstätten zu erneuern. Wesentlich waren dabei die Fach- und Hochschulen, an denen die Ideen der Moderne in Kunst, Architektur und Produktgestaltung weiterentwickelt wurden. Grundlage für alle SchmuckgestalterInnen war eine eigene, authentische Formensprache, also auf keinen Fall Abkupfern. Kurzlebige Trends, wie in der Modebranche üblich, wurden abgelehnt.
Die neuen SchmuckmacherInnen, die seit den 1980er Jahren die Bühne betraten, wollten auch keinen vordergründigen oder dekadenten Luxus herstellen. Es ging und geht bis heute um die Fertigung in authentischen Werkstätten, um handwerkliche Meisterschaft und um kleine Serien. Die einseitige Betonung des Materialwerts und Schmuck nur als Statussymbol wurden obsolet. Die Vorbilder betreffend der Formensprache waren Professoren wie Sigurd Persson, Schweden, Friedrich Becker und Reinhold Reiling, Deutschland, oder Emmy van Leersum, Niederlande, um nur einige wenige wichtige zu nennen.

Jutta Ulland, Ansteckclip aus der Serie Windungen und Wendungen. Silber 925, Silber 925 goldplattiert und Gold 750. Inhorgenta, Halle B2, Stand 336. www.jutta-ulland.de

Pura Ferreiro. Eulen Ohrringe. Silber 925, geschwärzt und Gold 900, granuliert. www.puraferreiro.de

Manu Schmuck, Ohrhänger O1054PE. Silber 925, Gold 900, mit Perlen. Foto Pixelgold. Inhorgenta, Halle B2, Stand 129. www.manuschmuck.de
Die führende und alles überragende Messe für die SchmuckdesignerInnen war die Münchner Inhorgenta. Sie war der Marktplatz, der sich, vor allem wegen seines qualitativ herausragenden Designsegments, international einen Namen machte. Maßgeblich verstärkt wurde die Präsenz der individuellen DesignerInnen durch eine Reihe anspruchsvoller deutscher Schmuckmanufakturen. Deutsches Schmuckdesign lockte Händler aus ganz Europa und sogar Übersee an. Als 1998 die Neue Messe in München Riem ihre Tore öffnete, präsentierte sich das Schmuckdesign auf der Inhorgenta stolz und selbstbewusst in der Halle C2. Ergänzt durch Fachschulen und Sonderausstellungen war diese Ausstellung in einer Fachmesse für Schmuck weltweit einzigartig.
Das neuen Schmuckdesign war zu dieser Zeit bereits in spezialisierten Galerien, in fortschrittlichen Goldschmiedegeschäften und auch bei einer beachtlichen Anzahl von namhaften Juwelieren präsent. Dies gilt bis heute, auch wenn der Markt aus vielen Gründen für alle Schmuckhersteller schwieriger geworden ist. Auf der Inhorgenta fand bereits in den beiden Jahrzehnten zuvor ein kontinuierlicher Aderlass in der Präsenz anspruchsvoller DesignerInnen statt. Selbst führende Ateliers wie Angela Hübel und Georg Spreng, die vor vielen Jahren in die Luxushalle B1, heute Fine Jewelry genannt, umgezogen waren, sind seit einigen Jahren nicht mehr auf der Inhorgenta vertreten. Hinzu kommt, dass es seit geraumer Zeit kaum Nachwuchs im Schmuckdesign gibt, aber das ist ein extra Thema.
Doch noch immer gilt der Anspruch der SchmuckdesignerInnen, ein ehrlicher, nachhaltiger Gegenentwurf zur industriellen Serienware zu sein, die seit vielen Jahren nicht selten aus Fernost bezogen wird. Hinzu kommt zumeist die Verwendung von recyceltem Gold oder aus fairem Abbau. Das sind starke Argumente für das Schmuckdesign der Gegenwart, das, wenn es überzeugend vermittelt wird, nichts von seiner Faszination verloren hat. Reinhold Ludwig
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