Neue kulturelle Identitäten

In der Verbindung von Kunst, Handwerk und Design entsteht kulturelle Identität. Daraus erwuchsen weltweite Bewegungen. Beispiele in der neuen Art Aurea.

Handwerkskünste waren jahrtausendelang zentrale Elemente kultureller regionaler und nationaler Identität. Heute sind viele davon verschwunden oder werden von einzelnen IdealistInnen entgegen schnelllebigen Trends und der Übermacht industrieller Massenproduktion am Leben erhalten. Doch in einigen Bereichen des Handwerks haben sich im 20. Jahrhundert bekanntlich neue, künstlerisch orientierte Szenen entwickelt. Sie haben wie etwa die Schmuckschaffenden eigene Ausdrucksformen und Identitäten entwickelt und sich international ausgetauscht.

Der Schmuckkünstler Warwick Freeman, Neuseeland. Foto Sam Hartnett aus Hook Hand Heart Star, herausgegeben von Die Neue Sammlung – The Design Museum und Objectspace. Erschienen bei arnoldsche Art Publishers, 2025.

Unsere Titelgeschichte der Sommerausgabe von Art Aurea über Warwick Freeman aus Neuseeland – basierend auf dem Buch Hook Hand Heart Star – ist ein besonders interessantes Beispiel dafür. Nicht nur, weil Neuseeland von Europa betrachtet, am entgegengesetzten Ende der Welt liegt, sondern weil der Schmuckkünstler dort auch mit der indigenen Maorikultur konfrontiert wurde.

Ein Beispiel für die Ländergrenzen überschreitende kulturelle Identität in der Keramikszene zeigt die gegenwärtige Ausstellung Keramik seit 1946 im Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Wie im Schmuck war es auch in der Keramik die Sehnsucht nach Erneuerung und Orientierung an modernen Kunstpositionen, die KunsthandwerkerInnen antrieb, Traditionen zu hinterfragen und Neues zu wagen. Hinzu kam die Möglichkeit zu reisen, in anderen Ländern zu studieren, zu arbeiten und sich weltweit auszutauschen. So präsentiert sich die keramische Kunst heute wie die Schmuckkunst als ein faszinierendes Sammelgebiet und ein Bereich mit fließenden Grenzen zur Bildenden Kunst. Renate Luckner-Bien stellt Highlights der Leipziger Ausstellung vor.

Freie Plastik oder traditionelle Gefäßform? In der Keramik haben sich weltweit fließende Übergänge entwickelt. Eine Arbeit von Ken Mihara in der Ausstellung im GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Foto Esther Hoyer.

Doch die Bildung neuer Szenen und kultureller Identitäten, die sich international unter dem Begriff Craft versammeln, ist noch lange nicht abgeschlossen. Dies zeigt eindrucksvoll der 2016 ins Leben gerufene, jährlich durchgeführte Loewe Foundation Craft Prize. Für die aktuelle Ausgabe 2026 gab es über 5.100 Einreichungen von Künstlern aus 133 Ländern. Dabei tauchten wiederum neue Länder, KünstlerInnen und Konzepte auf, die den Kreis der bisherigen Szenen erweitern und bereichern. Der oder die GewinnerIn und zwei besondere Erwähnungen des Loewe Foundation Craft Prize werden am 12. Mai 2026 verkündet. Art Aurea war da bereits in Druck. Doch auch vorab gibt es viel über diesen fantastischen Wettbewerb zu berichten.

Wie klingt es, wenn Kollegen statt freie Autoren über die Kunst anderer schreiben? Lässt sich Rivalität ganz vermeiden oder ist man gar etwas eifersüchtig? Wir beginnen mit Johannes Nagel über Morten Løbner Espersen.

Seit über 100 Jahren unterstützt die Danner-Stiftung zeitgenössisches Kunsthandwerk. Ihr jüngster Clou: Die Danner-Expo für Glas, Keramik und Metall auf der Internationalen Handwerksmesse in München. Ira Mazzoni beschreibt die jüngsten Aktivitäten dieser vorbildlichen Stiftung in Bayern.

Neue Serie: My Story, My Work

Die neue Serie My Story, My Work ersetzt Curator’s Choice, in der KuratorInnen KünstlerInnen ihrer Wahl für ein Kurzporträt vorschlagen konnten. Unsere erste Story kommt von Carmela Dacchille aus Palermo in Sizilien. Die Architektin erzählt, wie sie auf die Idee ihrer Edizioni Precarie kam und was sie mit diesem außergewöhnlichen Papierprojekt in der sizilianischen Metropole bewirkt.

Carmela Dacchile, die Gründerin der Edizioni Precarie in Palermo. Foto Luigi Fiano.

Wie bei Carmela Dacchile geht es auch im zweiten Beitrag von My Story, My Work um einen Neuanfang. Melanie van der Donkentschied hat sich vor rund 15 Jahren entschieden, ihrer frühen Faszination für keramische Formen und Gefäße zu folgen und beruflich einen neuen Weg einzuschlagen.

Wer eine spannende Geschichte zu erzählen hat und ein niveauvolles Werk auf diese Art vorstellen möchte, ist herzlich eingeladen, sich zu bewerben an ludwig@artaurea.de

Review 

Die Beiträge über aktuelle Ausstellungen und Wettbewerbe beginnen mit dem schon erwähnten Beitrag über den Loewe Foundation Craft Prize 2026. 

In unserem Sommer-Interview stellen wir das Konzept der Galerie haptik vor. Kathrin und Thorsten Held haben einen Kaufmannshof in der historischen Altstadt von Flensburg in einen Ort für erlesenes Kunsthandwerk verwandelt. Um ihre Künstler kennenzulernen, reisen sie sogar regelmäßig nach Japan.

Kathrin und Thorsten Held, Gründer der Galerie haptik für Gebrauchskunst in Flensburg.

Herbert-Hofmann-Preise 2026. Sie gehen an Zhipeng Wang aus China, Mira Kim, Korea/Kanada, und Ela Bauer, Niederlande.

Hessischer Staatspreis 2026. Für das deutsche Kunsthandwerk sind die Staatspreise ein wesentliches Element der Förderung wie der Profilierung einzelner Gestalter. Den Hessischen Staatspreis gibt es bereits seit 1951.

Die Seele der Objekte. Angewandte Kunst aus Lateinamerika. In der Ausstellung The Soul of Objects im Leipziger GRASSI Museum wird der Einklang zwischen indigenen Traditionen und dem Design der Gegenwart gefeiert.

Von Natur aus. Die Sommerausstellung von Eva Maisch ist einem Thema gewidmet, das uns alle angeht.

Christiane Englsberger beherrscht die inzwischen fast vergessene Schweizer Strohflechtkunst. Brosche Girlande. Zu sehen in der Ausstellung Von Natur aus vom 3. bis 5. Juli 2026 in Lindelbach/Randersacker.

Perspektive Schmuckkunst

An der Schnittstelle zur Mode. Schmuckkunst birgt eine Sprache, von der nur wenige wissen. Kann man damit in der Welt von heute und morgen erfolgreich sein und glücklich werden? Fragen, die sich die Schmuckstudentin Stina Bross stellt. Sie holte sich Rat bei Sonja Bischur, einer ihrer Dozentinnen.

Wo es Art Aurea gibt

Das Art Aurea Magazin hat wie gewohnt mit Umschlag 92 Seiten und ist erhältlich im Abonnement sowie in führenden Galerien und Geschäften.