Westerwaldpreis 2019

Die 14. Ausgabe des Westerwaldpreises erweist sich als „Spiegelbild wesentlicher Entwicklungen“, sagt Nele van Wieringen. Diese müssen jedoch nicht immer gut sein, wie die Preisvergabe für das Projekt „Mutterboden“ zeigt.

Johannes Nagel aus Halle an der Saale hat den mit 10.000 Euro dotierten Preis für Freie Keramik gewonnen. Der in Höhr-Grenzhausen lebende US-Amerikaner Jesse Magee erhielt den 2. Preis und 6000 Euro. Den Preis der Stadt Höhr-Grenzhausen für Salzbrandkeramik (je 5000 Euro) teilten sich die ortsansässige Monika Debus und Franz Julien aus Ludwigshafen. Einen Förderpreis erhielt die Koreanerin Hyunjin Kim. Der Westerwaldpreis, seit 1999 europaweit ausgeschrieben, wurde 2019 zum 14. Mal vergeben. 425 TeilnehmerInnen hatten sich über das Internet beworben. Der Jury gehörten an: die Geschäftsführerin der Museen im Westerwald, Helga Gerhardus, die Leiterin des Keramikmuseums, Nele van Wieringen, der Kunsthistoriker, ehemalige Galerist und Sammler Jörg Johnen, Berlin, die Museumskuratorin Sabine Runde, Frankfurt, sowie die Keramikkünstler Julian Stair, London, und Xavier Toubes, Chicago. 48 KünstlerInnen mit 74 Arbeiten kamen in die Endauswahl.

Johannes Nagel, Westerwaldpreis

Johannes Nagel, 1. Preis Freie Keramik, Coloured Construction, 2018. Porzellan, 40x45x59 cm.

Jesse Magee, Westerwaldpreis

Jesse Magee, 2. Preis Freie Keramik, Mutterboden (Neuwied 2017), 2017. Mutterboden aus Neuwied, gebrannt bei 1200 ͦC, je 85 x 100 x 120cm.

Die Ausstellung verstehe sich nicht als exemplarisches Gesamtbild der künstlerischen Keramik in Europa, sondern als Spiegel einiger wesentlicher Entwicklungen, erklärte Nele van Wieringen. Dies heißt bei dem Erstplatzierten Johannes Nagel: Transformation des keramischen Gefäßes, das noch in vielen Arbeiten erkennbar bleibt, in die freie Plastik. Der mit dem 2. Preis bedachte Jesse Magee hat Neuwieder Mutterboden ungereinigt in Form einzelner Blöcke gebrannt. Die Jury habe sich ausdrücklich dafür entschieden, die Preise der Freien Keramik an Arbeiten zu vergeben, die weit mehr als zufallsergeben und prozessgesteuert seien, heißt es. „Die nachträgliche Bearbeitung sorgt für einen fragilen, ästhetischen Ausgleich. In der gleichen Altersgruppe zeigen beide Künstler so ganz unterschiedliche, ernsthafte Annäherungen an zwei Ur-Themen der Keramik: das Gefäß und die Erde.“

Monika Debus, Westerwaldpreis

Monika Debus, invention no. 1, 2019. Preis der Stadt Höhr Grenzhausen für Salzbrandkeramik. Steinzeug, Porzellanengobe, reduzierende Salzbrand bei 1140 ͦC, 33 x 61 x 43 cm.

Franz Julien, Westerwaldpreis

Franz Julien, RoboTank, 2019. Preis der Stadt Höhr Grenzhausen für Salzbrandkeramik. Steinzeug, Engobe, Smalte, Salzbrand, 15 x 100 x 70 cm.

Huynjin Kim, Westerwaldpreis

Huynjin Kim, Förderpreis, Kümmel 2 aus der Serie: Muttermal, 2017. Porzellan, glasiert reduzierend gebrannt,
50 x 44 x 42 cm.

Für den Preis der Stadt Höhr-Grenzhausen wählte die Jury ebenso zwei konträre Positionen aus. Zum einen sind es die „amorphen, feinsinnig bemalten ‚Körper‘ von Monika Debus“. Zum andern die „präzisen, geometrischen Formen Franz Juliens“. Die große Bandbreite der Möglichkeiten im Salzbrand werde betont und wecke hoffentlich bei der jüngeren Generation Interesse an dieser einzig(artig)en europäischen Glasurtechnik mit Raum für weitere künstlerische Experimente, hoffen die Veranstalter. Die beiden Objekte der mit dem Förderpreis ausgezeichneten Hyunjin Kim „überzeugen durch raffiniertes Handwerk und eine poetische Wirkung“.

Zur Neuausrichtung des Wettbewerbs nach 2004 ist im Bericht der Jury zu lesen: „Gefäßkeramik ist heute nicht zwingend handgefertigt, sie kann genauso als Installation oder Skulptur definiert werden und besteht nicht immer vollständig aus keramischem Material. Die Grenzen zwischen den einzelnen Kategorien sind mittlerweile verschwommen.“ Damit spiegele der Westerwaldpreis ‚en miniature‘ den Makrokosmos unserer sich rapide verändernden Welt, in der alte Systeme und Machtstrukturen erodierten. „Die spürbare Instabilität in der Gesellschaft manifestiert sich ebenso in den Künsten und wird auch an vielen Objekten in dieser Ausstellung sichtbar.“ Hinzu komme „eine gewollte Formlosigkeit in den Arbeiten jüngerer Künstler“. Die Formlosigkeit manifestiere sich ebenso in den vielen Materialexperimenten, erklärt van Wieringen. Sogar die Definition der Keramik – anorganische Rohstoffe, die durch Brennprozesse stabilisiert werden – würde ausgedehnt. Gebrannt werde alles, was sich schmelzen lasse. Die Leiterin des Keramikmuseums fragt: „Wird das Ergebnis als Zufall akzeptiert oder ist die Form nur ein Frage der Temperatur?“

Kommentar

Die provokativste Arbeit des Wettbewerbs, belohnt mit dem 2. Preis, ist zweifellos „Mutterboden“ von Jesse Magee. Sie wurde als Installation bereits 2015 in der Kunst-Station Sankt Peter Köln gezeigt. Der 1981 in Urbana, Illinois, geborene Künstler hat dafür neun Tonnen Mutterboden bei 1200 Grad Celsius zu quaderförmigen Skulpturen verschmolzen. Es ist eine Arbeit der freien Kunst, die heutzutage kaum etwas auslässt, um die Phänomene unserer Welt und ihre Katastrophen zu thematisieren. Das ist immer akzeptabel, wenn damit neue Erkenntnisse, Botschaften und Einsichten einhergehen. Zur Ausstellung in der Jesuitenkirche Sankt Peter hieß es: Jesse Magee verbinde in seinen Installationen, Objekten oder Videoarbeiten „Ansätze der Arte Povera und der Konzeptkunst mit materialen Aspekten und Fragen nach produktiven und destruktiven Prozessen und Funktionen von Kunst“.

So weit so gut. Aber braucht die Welt heute wirklich gebrannte „Muttererde“ im Museum? Sehen wir nicht ausreichend in den Bilder von brennenden Wäldern in Sibirien, im Regenwald des Amazonas und  sogar in Deutschland furchterregende Brände. Und ist es nicht respektlos und brutal, neun Tonnen Muttererde mit Milliarden Kleinstlebewesen für ein Kunstprojekt bei 1200 Grad zu vernichten? „Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind“, sagte der Indianerhäuptling Seattle zum weißen Mann im Jahre 1855 vor dem Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika. Es fällt schwer daran zu glauben, dass sich daran etwas ändern kann, wenn selbst in der Kunst so unsensible Dinge geschehen.

Was die anderen PreisträgerInnen anbelangt, darf man der Jury gerne zustimmen. Auch in Höhr-Grenzhausen zeigt sich, dass die freie Skulptur heute ein wichtiges Thema zeitgenössischer Keramiker ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass ihr der Anschluss auf breiter Front an die freie Kunst gelungen ist. Dies wäre übrigens auch gar nicht erstrebenswert. Denn bei allem Respekt und Begeisterung für keramische Kunstobjekte wäre es sehr bedauerlich, wenn anspruchsvolle Gebrauchskeramik dadurch ‚unter den Tisch‘ fallen würde.

  • Keramikmuseum Westerwald
    Deutsche Sammlung für Historische
    und Zeitgenössische Keramik
    Lindenstraße 13
    56203 Höhr-Grenzhausen
    Deutschland
  • Eröffnung: 29. 09. 2019, 17 Uhr
  • Link

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