Norman Vilalta

Ein Schuhmacher in Barcelona

Norman Vilalta_portrait

 

Bereits im Jahr 1202 wurde in Barcelona von Schuhmachern die erste Handwerkszunft in Europa gegründet. 2002 quittiert der 31-jährige Norman Vilalta seine Tätigkeit in einem Anwaltsbüro, verlässt seine Heimat Argentinien und erlernt in Florenz, Schuhe von Hand zu fertigen. Sein Meister ist der Franzose Staphan Giménez im Atelier von Stefano Bemer. Zwei Jahre später bezieht Vilalta in Barcelona eine Ladenwerkstatt. Bei der Suche hilft ihm ein Orthopädie-Schuhmacher, der ihm seine Werkstatt kurzfristig überlassen hatte. In dem modernistischen Haus, gebaut 1908 von dem Jugendstil-Architekten Antoni Pàmies, findet er auch eine Wohnung. So vollzieht sich sein Leben und Schaffen fortan im Eixample, dem Jugendstilviertel Barcelonas, nahe der Universität. Die Straße Enric-Granados, in der Vilalta seine Schuhe in traditioneller Manier auf Rahmen näht, ist hier eine Fußgängerzone mit Galerien, Restaurants und Cafés — eine inspirierende Mischung aus ruhig und rege, die man in Barcelona nicht oft findet. Seinen Tag beginnt Vilalta mit einem Cortado in einem der Cafés. Man grüßt sich, man trifft sich und bereitet sich auf sein Tagwerk vor. Der Schuhmacher hat dafür immer sein kleines Notizbuch zur Hand.

Der Eingangsbereich seiner Ladenwerkstatt mit zwei ausgefallenen Schuhen im Fenster erlaubt den Blick ins Innere. Manchmal halten Passanten inne und treten neugierig ein. Jeder erkennt unschwer, dass hier etwas stattfindet, das es nur noch selten gibt. Vilalta weiß von einigen Leuten in Barcelona, die mit Schuhen arbeiten. Aber das sei kein professionelles Handwerk, sagt er. Arbeitstisch und Schemel des Schuhmachers sind ungewohnt niedrig. Zumeist findet man Vilalta über sein Werkstück gebeugt, das er auf den Knien hält. Bei jedem seiner Handgriffe ist er hoch konzentriert. Doch eine richtige Laufkundschaft hat der Schumacher nicht. Seine Kunden rufen ihn an, um sich mit ihm zu verabreden. Für einen Neukunden wird zuerst ein Probeschuh gemacht, der mehrfach angepasst wird. Erst dann beginnt die aufwändige Herstellung eines Holzrahmens, die Gestaltung der Form und der Schnittmuster.

Norman Vilalta ist auf der ständigen Suche nach Perfektion. Dafür müsse man sein Handwerk beherrschen, seine Werkzeuge und die Materialien kennen, erklärt er. „Was den Handwerker vornehmlich vom Handarbeiter unterscheidet, ist sein Herz für das Objekt“, philosophiert Vilalta. Die Werkzeuge könnten sich nicht von den Händen des Handwerkers unabhängig machen. Anders als die Maschinen, bei denen das natürlich beabsichtigt sei. Aber der Schuhmacher arbeitet nicht nur mit Herz und Verstand, er ist auch ein Ästhet und unermüdlicher Kreateur. Ganz besonders hat es ihm ein Klassiker aus dem letzten Jahrhundert angetan. Für Vilalta wäre es eine Herausforderung, den Oxford von heute zu schaffen. Doch seine allerliebsten Schuhe sind die aus Raphia-Bast. „Richtig schön und charaktervoll werden sie erst durch das Tragen“, meint Vilalta. Viel Sorgfalt verwendet er auf die ledernen Sohlen seiner Schuhe. Manche sind gemasert wie Holz, in anderen setzt sich die Schuhoberfläche fort. Dass diese charakteristischen Merkmale handgefertigter Schuhe verschwinden, sobald die Schuhe getragen werden, stört Vilalta nicht. Nach 200 bis 250 Stunden Arbeitszeit endet seine Beziehung zu dem Werkstück und eine neue Liebe kann beginnen: jene des Trägers zu seinen Schuhen.

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Ein Thema, das Vilalta unermüdlich beschäftigt, ist die Farbgebung. Mit klassischen Schuhen in Rot, Orange und Blau bezieht er sich auf Farben, die den Stierkampf symbolisieren. „Ein Schuh muss sich als persönliches Ausdrucksmittel nicht der Mode unterwerfen“, sagt er. Die Zeit sei angebrochen, dass man Schuhe kauft, weil man sie mag und nicht, weil man diesen Schuh jetzt trägt.“ Dafür ist bei Vilalta der Kunde König und es macht ihm Spaß, auch ausgefallene individuelle Wünsche zu erfüllen. So hat er einmal für einen befreundeten Künstler einen Schuh aus Leder und imprägniertem Papier mit einer Kork-Ledersohle hergestellt, dessen Wände mit Lavendel und Thymianpollen gefüllt waren. Ein aktuelles Thema sind für ihn die Bambas, das sind Leinen- oder im weitesten Sinne Turnschuhe. Hier träumt Vilalta von hochentwickelter Technologie, sucht die Zusammenarbeit mit Herstellern der Sohlen, trägt gekaufte Schuhe, um das Empfinden beim Tragen zu studieren. „Das technologische Know-how von Nike mit meiner Handwerkskunst zu verschmelzen, das wäre eine Herausforderung“, sagt er, während er gleichzeitig mit imposanter Leichtigkeit das Oberleder über ein hölzernes Schuhmodell zieht und festnagelt. Über zu wenig Kunden hat Vilalta nicht zu klagen. Er sieht eher ein Anwachsen der Nachfrage. „Die Wertschätzung des Einzelstücks nimmt zu“, beobachtet er.

Text Tanja Fontane and Reinhold Ludwig
Fotos Maite Caramés Pons
Die Homepage des Schuhmachers

Erschienen in ART AUREA 2-2014

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