Kunst, gestaltendes Handwerk und authentisches Design benötigen oft die Ruhe eines Studios, um ausgereifte Werke hervorzubringen. Doch alle Kreativen dieser Disziplinen bauen auch auf den Erfahrungen und dem Wissen zahlreicher anderer auf – seien es Lehrende aus der Gegenwart oder Meister der Vergangenheit. Das Zusammenwirken von schöpferischem Alleinsein und Verbundensein mit Gemeinschaften ist das Thema der aktuellen Herbstausgabe von Art Aurea.
Eine besonders inspirierende Gemeinschaft künstlerisch tätiger Frauen findet sich im GEDOK-Haus in Stuttgart. Das Gebäude entstand zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg in einer schwer zerstörten Stadt und bietet bis heute Mitgliedern dieser großen weiblichen Künstlergemeinschaft günstige Studios und zum Teil sogar Wohnungen für ein erfülltes, schöpferisches Leben. Von der heiteren, freundschaftlichen Atmosphäre war auch unsere Fotografin Ulrike Myrzik so angetan, dass sie sich vorstellen konnte, gleich einzuziehen.

Zwei Goldschmiedinnen kommen gegenwärtig in den Genuss einer Werkstatt im GEDOk-Haus. Nicole Walger stellen wir in unserem Beitrag vor. Foto Ulrike Myrzik.
Die Werkstatt von Andreas Richter, von Matthias Ritzmann brillant in Szene gesetzt und unserer Autorin Renate Luckner-Bien profund und empathisch beschrieben, gleicht einer musealen Wunderkammer. Mit dem Unterschied zu den historischen Raritätensammlungen von Kunstobjekten und Artefakten aus der Natur sind bei Richter viele der Exponate eigene Schöpfungen. Ganz sicher braucht der Papierkünstler dafür das Alleinsein. Doch auch er ist Teil einer Gemeinschaft zu der u.a. die Künstlerin Dorothea Prühl aus Halle an der Saale zählt. Für ihren Schmuck macht er Behältnisse, wie wir sie sonst nur aus Japan kennen.

In dieser Bilderbuchwerkstatt fertigt Andreas Richter kunstvolle Objekte und Schmuckschatullen aus Papier und Pappe. Photo Matthias Ritzmann.
Veronika Fabian, Gewinnerin des Friedrich-Becker-Preises auf dem Titel
Wer den Schmuck von Veronika Fabian sieht, erkennt unschwer, welch zeitintensive Arbeit sich hinter jedem einzelnen Stück verbirgt. Unabdingbar dafür ist die Ruhe der traditionellen Werkstatt, die bis heute allen Anfechtungen des Industriezeitalters trotzt. Dass die britisch-ungarische Künstlerin sogar Industrieprodukte in kunstvolle Unikate verwandelt, ist eine charmante Ironie der Geschichte. Doch auch die Werke der Gewinnerin des Friedrich-Becker-Preises 2026 sind kaum ohne die internationale Schmuckkunstszene denkbar. Ambitionierte Goldschmiede wie der Düsseldorfer Professor haben dafür den Weg bereitet.

Die in Budapest geborene Veronika Fabian ist die zehnte Siegerin des Friedrich-Becker-Preises. Foto Kata Gyenes.
My Story, My Work
Dass die „Wege des Herrn“ oft wunderbar sind, kennen wir aus der Bibel. Doch der Spruch passt manchmal auch für Kunst und gestaltendes Handwerk wie die neue Rubrik „My Story, My Work“ zeigt.
Zum Beispiel Quyen Mac: Nach ihrer Schulzeit studierte sie Musik. Später befasste sie sich als Pianistin lange Jahre mit Klang, Interpretation und Ausdruck. Das Klavierspielen lehrte sie zudem Geduld, Disziplin und Hingabe. In der Keramik fand sie Vergleichbares und eine stärkere Verbindung zur Alltagskultur. Schließlich eröffnete Quyen Mac ein wunderbares Keramikstudio mit sehenswertem Showroom in der Innenstadt von Heidelberg.

Schlicht aber höchst sinnlich und funktional sind die Gefäße von Quyen Mac aus Heidelberg. Mehr dazu in unserer Rubrik „My Story, My Work“. Foto Quyen Mac.
Ebenso spannend ist der Weg von Stevan Hartung aus Irland. Er studierte zunächst Industriedesign am National College of Art and Design in Dublin. Doch dann wollte er seine Zeit lieber direkt mit Materialien verbringen wollte, anstatt in einem Designbüro zu sitzen. Dies führte ihn zu einem Tischler nach Berlin, der ihn in die Arbeit und Philosophie von James Krenov (1920–2009) einführte. Mit Hilfe eines deutschen Schreinergesellens, der auf der Walz war, baute Stevan Hartung dann seine Werkstatt in den Wicklow Mountains südlich von Dublin, umgeben von einem Wald, den er selbst pflanzte.
Hannah Rembeck erlernt das Goldschmiedehandwerk an der Berufsfachschule in Neugablonz. Ihre erste Stelle wollte sie in der Galerie von Brigitte Berndt in Regensburg antreten. Zwei Wochen vor dem Start kam die Nachricht, dass die Galeristin tödlich verunglückt war. Wie die Goldschmiedin nach kurzer Zeit ihre eigene Galerie für zeitgenössische Schmuckkunst und ihre junge Familie in Einklang brachte, hat sie für uns aufgeschrieben.
Allein für diese drei spannenden Geschichten lohnt es sich, die neue Art Aurea zu kaufen oder am besten zu abonnieren.
Review
Diesmal mit einem Beitrag über den Gewinner und die besonderen Erwähnungen des Loewe Foundation Craftprize, das Jubiläum der Galerie Metzger für Keramik und Kunst, die Ausstellung von Bernhard Schobinger im Museum of Fine Arts in Houston, Texas, und die zehnte Venice Glass Week.
Kunst & Ökologie
Der Hitzesommer 2026 zeigt es eindrücklich. Wer glaubte, man könne so weitermachen wie bisher, hat sich gewaltig getäuscht. Vieles muss sich ändern, auch in der Kunst.
Auf der Suche nach positiven Beispielen und Modellprojekten, die Kunst mit Ökologie verbinden, sind wir in Wien fündig geworden.

Bunte Vielfalt, eingebettet in üppiges Grün. Das KunsthausWien mit Werken von Friedensreich Hundertwasser wurde 2015 als „grünes Museum“ neu positioniert. Foto © Paul Bauer.
Wo es Art Aurea gibt
Das Art Aurea Magazin hat wie gewohnt mit Umschlag 92 Seiten und ist erhältlich im Abonnement sowie in führenden Galerien und Geschäften.