All Hands On: Flechten

Die Faszination des Handgemachten am Beispiel Flechten im Museum Europäischer Kulturen, Berlin-Dahlem.

Flechten, die Jahrtausende alte Kulturtechnik, ist selten geworden. Die staatliche Berufsfachschule für Flechtgestaltung im oberfränkischen Lichtenfels sieht sich allein auf weiter Flur in ganz Europa – in der auch die ökologisch so wertvollen Kopfweiden weitgehend verschwunden sind. Umso erfreulicher ist die Ausstellung All Hands On: Flechten im Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem. Sie vermittelt die Faszination und Vielfalt des Flechtens, „zeigt Verflechtungen zwischen historisch gewachsenem Wissen und modernen Innovationen.“

Sandalen aus Esparto

Nicht alle ökologischen Produkte müssen neu erfunden werden. Sandalen aus Esparto, Spanien, um 1860. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug.

Rosa Gies, Rucksack

Rucksack Tarzan der Flechtwerkgestalterin Rosa Gies, Oberfranken, Bayern, 2020. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug.

In den vier Ausstellungsbereichen Mensch, Schutz, Material und Muster sind rund 200 Flechtwerke aus der Museumssammlung sowie diverse Leihgaben zu entdecken. Teils verknüpft mit interaktiven Stationen, „die Groß und Klein für das immaterielle Kulturerbe begeistern und die Faszination für Handgemachtes buchstäblich ‚be–greifbar‘ machen“ sollen. Ebenso werdenzeitgenössische und historische FlechterInnen porträtiert und gezeigt, wie etwa geflochtene Hüte, Schuhe, Körbe, Stühle dem Menschen dienen. Ein Korbstuhl aus der Passagierkabine des Zeppelins LZ 120 Bodensee von 1919 kündet von einer Zeit, „in der die genialen Eigenschaften von Geflochtenem – nämlich Stabilität, Leichtigkeit und Flexibilität – noch in der Luftfahrt gefragt waren. Ganz anders die indischen Living Root Bridges aus verflochtenen Luftwurzeln des Gummibaums, die aktuell in der Baubotanik auch in Europa erforscht wird.

Ingo Arndt Photogaphy

Flechten verbindet uns mit der Natur. Nest einer Feldmaus. © Ingo Arndt Photogaphy.

All Hands On: Flechten weitet den Blick auch über den europäischen Kontext hinaus und thematisiert, dass Flechtmaterialien wie Sisal und Rattan früher auch als koloniale Rohstoffe nach Europa gelangten. Schließlich kann anhand vielfältiger Exponate nachempfunden werden, wie durch verschiedene meisterhafte Flechttechniken zahlreiche Muster entstehen. Sie werden oft erst durch jahrelange Erfahrung erreicht und sind teils sehr viel komplexer als auf den ersten Blick scheint.

Zeitgenössische künstlerische Positionen vertiefen die inhaltliche Auseinandersetzung. Bei Syowia Kyambi aus Nairobi taucht das Thema Flechten in ihrer Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit auf. Nathalie Miebach aus Boston, Massachusetts, übersetzt wissenschaftliche Daten mittels Flechten aus den Bereichen Ökologie, Klimawandel und Meteorologie in dreidimensionale Strukturen. Muriel Gallardo Weinstein verwebt Materialien miteinander, um Formen zu konstruieren, die auf die Gesamtheit der Realität anspielen und ihre verschiedenen Eindrücke, die sie hervorbringt. Olaf Holzapfel hat für die Ausstellung die Auftragsarbeit Der geflochtene Garten als begehbare Raumskulptur entworfen.

Flechten heißt entscheiden!

Interaktive Station Flechten heißt entscheiden!, 2021. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug.

BesucherInnen sind eingeladen, selbst aktiv zu werden, z.B., Nester zu flechten, Flaschen zu schützen oder sich mit anderen Geschichten zu verflechten. All Hands On ist also nicht nur sehr informativ, sondern lädt ein, sich für die Vielseitigkeit des Flechtens zu begeistern. Ein umfassendes Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm mit offenen Werkstätten und kreativen Workshops ergänzt die Ausstellung während der gesamten Laufzeit.

  • Museum Europäischer Kulturen
    Arnimallee 25
    14195 Berlin-Dahlem
    Deutschland
  • Ab 24. Mai 2022, Ende offen
    Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 17 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
  • Link

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