Fast nichts – Ulla und Martin Kaufmann

Schmuck und Gefäße von Ulla und Martin Kaufmann ab 13. Juli im Schmuckmuseum Pforzheim.

Seit fast 50 Jahren fertigen die Kaufmanns Schmuck und Objekte der Silberschmiedekunst. Auch Besteckentwürfe, die von Industriefirmen wie Zwilling produziert werden, gehören zu ihrem Repertoire. Sowohl ihre Schmuckstücke als auch ihre Objekte sind in deutschen und internationalen Museen zu finden. Am bekanntesten sind ihre meisterhaft geschmiedeten Hals- und Armreifen. Für ihre Arbeiten erhielten Ulla und Martin Kaufmann zahlreiche Auszeichnungen, Design- und Staatspreise. Zuletzt wurden sie 2018 mit dem Bayerischen Staatspreis für ihr Projekt »Kuben in Bewegung« geehrt. Nachfolgend der Bericht zur Ausstellung „Fast nichts – Schmuck und Gefäße von Ulla und Martin Kaufmann“ des Schmuckmuseums Pforzheim.

Ulla und Martin Kaufmann

Die Werkstatt von Ulla und Martin Kaufmann in Hildesheim. Foto Achim Hatzius 2014.

Beide sind 1941 in Hildesheim geboren und haben eine Ausbildung zu Silber- und Goldschmieden absolviert. Nach Aufenthalten in Norwegen und Frankreich leben und arbeiten sie seit 1970 in ihrer Heimatstadt Hildesheim als freischaffende Goldschmiede. »Wir werden oft gefragt, wer von uns welchen Part übernimmt, aber das kann man gar nicht genau sagen. Die meisten Objekte entstehen wirklich von Anfang bis Ende zusammen. Das ist manchmal ein langwieriger Prozess. Wir reisen viel, interessieren uns für Architektur und Kunst, besuchen viele Ausstellungen, das alles prägte unsere Arbeiten. Wir beschäftigen uns sehr viel mit dem Thema Innen und Außen und haben dadurch ganz neue Techniken entwickelt«, erläutert Martin Kaufmann.

Ulla und Martin Kaufmann

Ulla und Martin Kaufmann auf ihrem Anwesen in Hildesheim. Foto Achim Hatzius 2014.

Ulla + Martin Kaufmann

Ulla + Martin Kaufmann, Armreif Gespiegelt aus Gold, 2002. Deutsches Goldschmiedehaus, Hanau, Foto H.P. Hoffmann.

Ulla und Martin Kaufmann

Schale Aus dem Kreis, 2003. Silber, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund. Foto H.P. Hoffmann.

Die Schmuckstücke sind formal präzise, handwerklich auf höchstem Niveau und ohne Schnörkel zur absoluten Reduktion geführt. »Es war uns von Anfang an lästig, Verschlüsse zu machen. Wir wollten die gleiche Qualität des Tragens der Schmuckstücke, aber eben ohne einen Verschluss«, erinnert sich Ulla Kaufmann an die Anfänge. Im Lauf der Zeit entstand die Idee der Bänder. Beide haben lange daran getüftelt, Stücke aus einem Band zu entwickeln. Der preisgekrönte Halsreif »Fast nichts« schmiegt sich wie ein mehrfach geschwungenes Band um den Hals und hält ohne zusätzlichen Verschluss allein durch die Form seiner Biegung. Das Metall wurde mit einer exakt erforderlichen Spannung zu einer Spirale geschmiedet. Ein Wechselspiel von Innen und Außen, Raum und Fläche, aus Schwung, Kurve, Kraft und Haltung prägt diese Arbeiten. Es gelang den beiden, sehr filigrane Schmuckstücke herzustellen. Sie verarbeiten sehr dünne Bänder von bis zu 0,24 Millimetern bei gleicher Qualität, und die Stücke bleiben trotzdem in Form.

»Das extreme Schmieden bedeutete einen Bruch mit herkömmlichen Methoden«, erläutert Ulla Kaufmann und ergänzt: »Wir entwickeln Formen aus unserem Leben heraus und haben uns schon früh von traditionellen Denkweisen gelöst. Aus dem Band ist vieles entstanden, auch Design. Die Tendenz zur Einfachheit zieht sich durch unser Werk. Das Betrachten der Skulpturen von Richard Serra hat uns sicherer gemacht, sein Umgang mit Raum, Form, Bogen, Torus und Kugel begeistert uns. Daneben sind noch die Bildhauer Eduardo Chillida und Donald Judd für unser Werk wichtig.«

Ulla und Martin Kaufmann

Besteck Palladio aus Silber, 1986. Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt Foto M. Hoffmann

Firmen wie Zwilling oder Wilkens kamen auf das Paar zu und baten um Entwürfe von Küchengeräten und Besteck. Also beschäftigten sich die Kaufmanns mit Besteck aus Edelstahl und Geräten aus Messing. Die Besteck-Serien »Palladio« und »Passione« wurden für hohe Designqualität ausgezeichnet. Doch die größte Faszination geht für beide von den Materialien Gold und Silber aus. Martin Kaufmann arbeitet gerade an einem eher architektonischen Schmuckstück, einer großen Goldkette mit Kuben, die durchaus ein Gewicht hat, aber dennoch gut tragbar ist und auch in der Ausstellung in Pforzheim zu sehen sein wird. Gezeigt werden außerdem professionelle Schwarz-Weiß Fotografien, auf denen der Schmuck von Kaufmanns an unterschiedlichen Personen zu sehen sind und wie sie getragen wirken.

Edel, schwungvoll und sehr sinnlich wirken diese Schmuckstücke und sind in ihrer Schlichtheit dennoch niemals nüchtern. Sie sind eine Hommage an das Material, an die Handwerkskunst, an die reine Schönheit geschmiedeter Bänder, an deren Verlauf, deren Schwung, deren Form. Schon die Namen der einzelnen Stücke sprechen Bände, wie die preisgekrönten Ohrringe »Aus dem Kreis«, der Armreif »Spirale« oder die Ringe »Gewickelt« sowie die Ohrringe »In dem Kreis«. Sowohl im Schmuck als auch im Gerät gehen Ulla und Martin Kaufmann immer wieder an die Grenzen der Elastizität der Edelmetalle, ergründen die Spannung und bringen das Material davon ausgehend in die bestmögliche Form und Funktion.

Der Besuch im Pforzheimer Schmuckmuseum lohnt sich auch wegen der Ausstellung „Offene Horizonte – Schätze zu Humboldts Reisewegen“, die noch bis 8. September zu sehen ist.

  • Gold und Silber – Ulla und Martin Kaufmann
    Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlinhaus
    Jahnstraße 42
    75173 Pforzheim
    Deutschland
  • Eröffnung: Freitag, 12. Juli, 19 Uhr
  • Link

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