Wie Art Aurea zweimal entstand

Vieles hat seine Existenz einer Reihe von Zufällen zu verdanken. Wobei manche Leute glauben, dass es gar keine Zufälle gibt. Ein Rückblick von Reinhold Ludwig.

Art Aurea, übersetzt etwa mit „Goldener Kunst“, entstand erstmals 1985 aus meiner Begeisterung für die damals kaum bekannte Schmuckkunst, die in diesen Jahren einen mutigen, radikalen Bruch mit der Tradition vollzog. Als Chefredakteur einer Fachzeitschrift für Uhren und Industrieschmuck im Ebner Verlag Ulm hatte ich im Sommer 1985 eher zufällig eine Schmuckausstellung in einer Kunstgalerie besucht. Zu sehen waren Goldschmiedearbeiten von Jan Dix, dem Sohn des Malers Otto Dix. Eine andere Goldschmiedin, Barbara Plersch, zeigte expressive Stücke in Silber mit Acryl und farbigem Lack. Ihre Arbeiten unterschieden sich auch in der Dimension elementar vom üblichen Industrieschmuck.

Reinhold-Ludwig

Der Chefredakteur und Verleger von Art Aurea, Reinhold Ludwig, mit Brosche von Francesco Pavan, Silber, Emaille, Galerie Rosemarie Jäger. Foto Miriam Künzli

Etwa zu gleichen Zeit suchten Münchner Goldschmiede einen Verlag für eine Zeitschrift, die zu einer Schmuckausstellung im Künstlerhaus am Lenbachplatz erscheinen sollte. Dabei landeten sie auch in meinem Büro. Da ich gern mal ins kalte Wasser springe, ließ ich mich kurzerhand dazu hinreißen, das Heft zu machen. Zur Hilfe kam mir Stanislaus Kutác, ein Ulmer Designer. Er hatte an der Fachhochschule in Schwäbisch Gmünd studiert und kannte die damalige Schmuckklasse von Professor Pierre Slevogt. Sein originellster Designbeitrag für Art Aurea war im Rückblick ein schwarz-weißes Punktemuster auf dem Rücken und der Innenseite des Covers. Es stammte von seinem Hemd, das er unters Kopiergerät gelegt hatte. Auf der Münchner Ausstellung im November 1985 wurde uns die erste Art Aurea aus den Händen gerissen. Der Erfolg war so überwältigend, dass wir es wagten, das Heft viermal pro Jahr herauszubringen – nach kurzer Zeit zweisprachig in Deutsch und Englisch.

Art Aurea verlangte eine Menge Herzblut! Ungezählte private Stunden, vor allem an Wochenenden, verbrachte ich damit, Beiträge zu schreiben, Layouts zu kleben oder Kontakte zu knüpfen. Im Verlag war dafür kaum Zeit. Die Wochenenden dienten auch dazu, Ausstellungen und Veranstaltungen zu besuchen. Wo immer sich die Szene traf, wurde heftig über Schmuckkunst und ihr Verhältnis zu freier Kunst diskutiert. Käufer waren eher Mangelware. Doch dies tat der Aufbruchstimmung, die durch Art Aurea kräftig befeuert wurde, keinen Abbruch. Im Rückblick waren diese ersten Jahre mit Art Aurea für mich eine essentielle Erfahrung und ein großes persönliches Abenteuer. In Gesprächen mit bedeutenden Goldschmieden wie Friedrich Becker, Hermann Jünger, Max Fröhlich, Peter Skubic, Johanna Dahm und Otto Künzli, mit Designern wie Carl Dau und Hans-Hermann Lingenbrinck, mit Jochen Exner von der Manufaktur Niessing sowie mit Galeristen wie Inge Asenbaum, Helen Drutt, Paul Derrez und Jürgen Eickhoff lernte ich verschiedene Positionen des modernen Schmucks kennen. Begegnungen mit Design- und Architekturgrößen wie Alessandro Mendini, Matteo Thun, Antonio Citterio und Volker Albus erweiterten meinen Horizont und schärften mein Gefühl für Gestaltungsqualität und die historischen Zusammenhänge auch in anderen Bereichen.

Kragen aus Aluminium von Emmy van Leersum, 1967. Der Beitrag über die holländische Schmuckavantgarde zum 10jährigen Jubiläum der Galerie Ra, Amsterdam 1986 in Art Aurea
Kragen aus Aluminium von Emmy van Leersum, 1967. Der Beitrag über die holländische Schmuckavantgarde zum 10jährigen Jubiläum der Galerie Ra, Amsterdam 1986 in Art Aurea
Die Ausstellung “Affenliebe, Hexenbesen und Samurais” in der Münchner Galerie Spektrum von 1986. Brosche “Crusader” von Esther Knobel, Jerusalem. Titelstory in Art Aurea
Die Ausstellung “Affenliebe, Hexenbesen und Samurais” in der Münchner Galerie Spektrum von 1986. Brosche “Crusader” von Esther Knobel, Jerusalem. Titelstory in Art Aurea

Von Anfang an versuchte ich, den neuen Schmuck im Kontext von Kunst und Design ganzheitlich und grenzüberschreitend zu interpretieren: als zeitgenössische Gestaltungskultur, die Schnittmengen aufwies zur Bildenden Kunst, zur Architektur und zu den Designbewegungen jener Jahre, vor allem des Neuen Deutschen Designs. Auch völkerkundliche und soziologische Aspekte hatten ihren Platz in Art Aurea. Ich zeigte den Schmuck von Kulturen wie den Akahs im Norden Thailands, die gerade unter dem Einfluss der Zivilisation ihre Identität verloren oder von Subkulturen wie den Punks, die in den 1980ern für gesellschaftliche Aufregung sorgten. Art Aurea wurde bei seinen Lesern ein großer Erfolg und genoss in kürzester Zeit Kultstatus. Wirtschaftlich gesehen war Art Aurea in einem Verlagshaus, das auf Anzeigenumsätze schauen muss, jedoch immer schwierig durchzusetzen. „Die Zeitschrift ist das Hobby von Herrn Ludwig“, hieß es im Ebner Verlag. Schließlich fiel 1996 die Entscheidung, Art Aurea nicht weiterzuführen.

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Zwei Akha-Frauen aus dem Norden Thailands. Art Aurea berichtete auch über völkerkundliche Themen. Foto Peter Herion

Anfang 2006 verließ ich den Ebner Verlag Ulm, um nach 30 Jahren erfolgreicher Tätigkeit, noch einmal einen Neuanfang zu wagen. Mein Hauptmotiv, mit 58 eine gut bezahlte, sichere Führungsposition aufzugeben, war der Wunsch, noch einmal im Leben etwas gesellschaftlich Nützliches zu tun, das mir auch persönlich am Herzen lag. Nach der Publikation des Buchs „Schmuck-Design der Moderne“, das bei Arnoldsche Art Publisher erschien, entschied ich mich 2008, Art Aurea im Selbstverlag erneut herauszugeben – zunächst als Online-Magazin, 2010 schließlich auch wieder als Print-Ausgabe.

Art Aurea war nun ein echtes Familienprojekt. Mein Sohn Florian (*1976) – er hatte an der HfG Karlsruhe Grafikdesign studiert – gestaltete unsere Webseite und die Zeitschrift. Er hat wesentlich zur heutigen Qualität beigetragen und viele konzeptionelle Ideen eingebracht. Meine Tochter Christina (*1978) betreute die Internet-Plattform und unterstütze mich in allen technischen Fragen bis hin zum Korrektorat. Meine Frau Hilde (*1950) arbeitet bis heute in der Buchhaltung und verkauft Hefte und Abonnements auf den fünf Messen, auf denen wir seit 2010 alljährlich vertreten sind. Meine erste externe Mitarbeiterin war 2009 die Redaktions-Volontärin Sarah Schuhmacher, die inzwischen Bosch heißt und glückliche Mutter eines Babys ist. Seit Sommer 2013 gibt es ergänzend zu meinem Homeoffice in Ulm das Berliner Büro in der Melchiorstraße. In der Redaktion ist inzwischen Agata Waleczek tätig und Paulina Tsvetanova ist für Marketing und Kommunikation verantwortlich. Beide Mitarbeiterinnen sind etwa in der Zeit geboren als die erste Art Aurea entstand, Agata in Polen und Paulina in Bulgarien. So betrachtet ist Art Aurea nach gut 30 Jahren inzwischen ein europäisches Projekt geworden, an dem mit dem formforum auch die Schweiz mitwirkt.

Text Reinhold Ludwig

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