Die fabelhafte Welt der Natalie Luder

Die Schweizer Künstlerin ist von der Kulturgeschichte des Essens inspiriert. Ein Interview.

Maden, Speck und Pferdezähne – in ihren Arbeiten vereint die Schweizerin Natalie Luder das Schauerliche mit dem Schönen. Das Thema, das die studierte Schmuckkünstlerin seit ihrem Auslandsjahr an der renommierten Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam nicht mehr loslässt, ist die Kulturgeschichte des Essens. In einem historischen Haus im schweizerischen Tessin eröffnet sie jetzt ihr eigenes Bed&Breakfast, wo sie Art Aurea Einblick in ihr Leben und Schaffen gewährt hat. Die Reportage erschien in der Printausgabe von Art Aurea im Herbst 2015.

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Art Aurea Die Kulturgeschichte des Essens ist ja eine Inspirationsquelle für Sie, so auch bei Ihrem Fou Lard-Seidenschal. Wie sind die Reaktionen auf der Straße auf den Schal, der aussieht wie eine Specktranche?
Natalie Luder Getragen sieht man dem Fou Lard nicht auf den ersten Blick an, dass er eine Scheibe Speck darstellt. Daher sind direkte Reaktionen eher selten. Ausgebreitet jedoch sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Die einen finden den Schal abstoßend, oder vielmehr die Vorstellung davon ihn zu tragen, andere sind begeistert. Er lässt kaum jemanden kalt.

AA Tiere und Tierisches sind bei Ihnen wiederkehrende Motive. Was hat es mit Ihrer Faszination für Maden auf sich?
NL Oft habe ich in meinen Schmuckarbeiten die Grenze zwischen Anziehung und Abstoßung, Ekel ausgelotet. Die Maden sind aus Perlmutt, einem schönen Material, geschnitzt. Die Form jedoch lässt uns schaudern. Wo liegt die Grenze des Erträglichen? Wie beeinflusst die Fantasie unsere subjektive Wahrnehmung? Durch die Materialveränderung ertrage ich die Form der Maden und kann sie sogar als Schmuck an mir tragen.

AA Wann genügt ein Stück Ihren Ansprüchen?
NL Wenn ich ein Stück nicht mehr erklären muss und die Mehrheit der Leute begeistert reagiert.

AA Beobachten Sie eine verstärkte Nachfrage nach bestimmten Teilen?
NL Der Speckschal ist mein erstes serielles Produkt, das sich sehr gut verkauft. Durch Blogs und andere Veröffentlichungen wird er auch weltweit und von einem breiteren Publikum wahrgenommen. Daher ist die Nachfrage danach ziemlich groß.

AA Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs? Gibt es überhaupt eins?
NL Erfolg kann man natürlich verschieden definieren und messen. Ich versuche, meinen Ideen immer treu zu bleiben und beabsichtige nicht, in erster Linie einen Markt zu bedienen. Das bringt manchmal weniger Batzeli (Anm. d. Red.: Schweizerdeutsch Geld), dafür viel Befriedigung.

AA Verkaufen Sie auch über Galerien?
NL Teilweise. Doch ich werde zukünftig mehrheitlich direkt über’s Internet, via eigene Website, Blogs und professionelle Online-Shops sowie Messen meine Stücke verkaufen.

AA Gab es auch Rückschläge in Ihrer Karriere?
NL Immer wieder, aber in diesem Beruf muss man, meiner Meinung nach, ein Stehaufmännchen sein.

AA Beeinflussen Sie Ihre schweizerischen Wurzeln?
NL Wahrscheinlich schon, obwohl es vielleicht eher meine Arbeitshaltung und allgemeine Sturheit betrifft, als meine Themen.

AA Sie sind Künstlerin und eröffnen jetzt ein Bed&Breakfast. Haben Sie manchmal Angst, sich damit von Ihren Ursprüngen zu entfernen?
NL Natürlich entferne ich mich dabei von meinen Ursprüngen, ich werde sicherlich nicht mehr so oft am Goldschmiedetisch sitzen. Ich sehe das Bed&Breakfast jedoch als einen Ort, wo meine Ideen und Stücke Teil eines Ganzen werden. Die Gäste sind mein zukünftiges, unmittelbares Publikum. Insofern befürchte ich nicht, meine künstlerische Arbeit aufzugeben.

AA Gibt es Ihrer Meinung nach einen Unterschied zwischen Künstlern und Kunsthandwerkern?
NL Beim Künstler steht die Idee im Vordergrund, beim Kunsthandwerker die Technik? Der Künstler lässt allenfalls Arbeiten von (Kunst-)Handwerkern ausführen, der Kunsthandwerker hat hingegen einen hohen technischen Arbeitsstolz? Ich denke, ein Künstler muss immer auch ein Handwerker sein, denn wie oft ändert sich die Idee oder das Endprodukt beim Machen! Ein Kunsthandwerker ist auch ein Künstler, hat er doch auch eine genaue Vorstellung von dem, was er schaffen möchte.

AA Welchen Tipp hätten Sie zu Anfang Ihrer Karriere gern gehört?
NL Wahrscheinlich hätte ich sowieso alle gut gemeinten Tipps in den Wind geschlagen und wäre trotzdem mit dem Kopf durch die Wand gegangen. Manchmal frage ich mich, wieso ich letztendlich nicht Textildesign studiert habe, aber damals hat mich Schmuck mehr interessiert.

 

Interview: Agata Waleczek   Fotos: Miriam Künzli

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