Formen der Anpassung

Ausstellung im GRASSI Museum über Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus.

Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind bis heute unfassbar. Und auch in Kunst und Handwerk hinterließen sie ihre Spuren. Während sie sich anmaßten, eine arische, realistische deutsche Kunst definieren zu können, instrumentalisierten sie das Kunsthandwerk für ihre menschenverachtende Ideologie. Rassistische, nationalistische und anti-moderne Vorstellungen wirkten sich auf Ausbildung, Inhalte und Wertschätzung handwerklicher Gestaltung aus. Das Kunsthandwerk sollte „deutsche“ Formen und Techniken pflegen: realistische Holzschnitzerei, traditionelle Töpferei, textile Techniken und Metallarbeiten. Hingegen wurde Abstraktes abgewertet, verhöhnt und verboten. Viele GestalterInnen, vor allem jüdische, verloren Lehrstühle, Aufträge und ihre Existenzgrundlage. Das bekannteste Beispiel ist die Auflösung des Bauhauses unter dem Druck der Nazis.

Das Regime erkannte früh das Propagandapotential des Kunsthandwerks. Auf Ausstellungen, in Mustersiedlungen und bei Repräsentationsbauten wurde es eingesetzt, um Volksnähe, Heimatverbundenheit und soziale Harmonie zu inszenieren. Möbel, Geschirr, Textilien, Schmuck und Kirchengerät wurden ideologisch aufgeladen – etwa durch Runen, Reichssymbole oder germanisierende Ornamentik. Die geschätzte handwerkliche Qualität wurde, wo immer möglich, politischen Botschaften untergeordnet.

Radiogerät Deutscher Kleinempfänger, Entwurf um 1938, Ausführung IKA Radio, Lódz (Polen), um 1940. Kunststoff, Textil. Schenkung von Privat, 2012. Foto Esther Hoyer.

In Leipzig werden über 400 Exponate aus der NS-Zeit gezeigt, „vom aufwändigen Einzelstück bis zum Designprodukt für die Massen, die oft aus politisch favorisierten Materialien wie Schmiedeeisen, heimischen Hölzer, Zinn, Textilien und Bernstein gefertigt wurden.“ Dazu schreibt das GRASSI Museum: „Viele der Exponate wurden staatlich gefördert oder bei offiziellen Ausstellungen, Wettbewerben und Leistungsschauen gezeigt. Andere entstanden unter Zwangsarbeit oder in Konzentrationslagern. Fotografien und zeitgenössische Dokumente ergänzen die umfangreiche Präsentation.“

Ludolf Buuk, Gitter, Werkstatt Siegfried Prütz, Isernhagen, 1933. Schmiedeeisen. Erworben von Ludolf Buuk, 1934. Foto Esther Hoyer.

Zweihenkelkrug, Großschönauer Werkstätten Hentschel & Fischer, vor 1937. Steingut, schwarzglasiert. Grassimesse Herbst 1937. Foto Esther Hoyer.

Wandbehang Hamburg, Entwurf Margarethe Möller, Ausführung Bertha Möller, Kupfermühle in Holstein, um 1936. Wolle, handgewebt. Erworben von Bertha Möller, Grassimesse Frühjahr 1937. Foto Esther Hoyer.

Die Ausstellung zeigt das Zusammenspiel von Kunsthandwerk, Design und politischer Ideologie und wie stark der NS-Staat Gestaltung, Produktion und Repräsentation beeinflusst hat. Zugleich wird nach Handlungsspielräumen gefragt, die GestalterInnen in dem autoritären System genutzt oder gesucht haben. „Dabei geht es nicht nur um Form und Ästhetik, sondern um die politische und gesellschaftliche Funktion von Gestaltung im Kontext diktatorischer Macht … Ausstellungen, Publikationen, Künstlerbiografien und nicht zuletzt das Kaufverhalten der damaligen Massen zeigen eine komplexe Mischung aus Anpassung, Kontinuität und Widerstand.“ Eine eindimensionale Erzählung der Epoche könne daher nicht angenommen werden, heißt es aus Leipzig.

Zierteller Kirmes, Villeroy & Boch, Dekorentwurf Gustav Spoerri, Dresden, um 1936. Hartsteingut, glasiert und schabloniert bemalt. Schenkung von Privat. Foto Esther Hoyer.

Das GRASSI Museum für Angewandte Kunst habe in der NS-Zeit eine vielschichtige Stellung eingenommen, so der Veranstalter: „In den 1930er Jahren entwickelte es sich zu einem zentralen Ort, an dem Gestaltungsvorstellungen verhandelt und präsentiert wurden. Die Grassimessen und Sonderpräsentationen ermöglichten zwar gelegentlich Abweichungen von ideologischen Vorgaben, zugleich war das Museum jedoch verpflichtet, mit staatlichen Institutionen zu kooperieren und seine Räume für propagandistische Ausstellungen bereitzustellen.“ 

Zum Glück ist das Museum in Leipzig mit seiner aktiven Sammlungspolitik und der jährlichen Grassimesse heute ein Ort, in dem zeitgenössisches Kunsthandwerk und seine wachsenden Schnittmengen mit Kunst und Design auf beispielhafte Weise gepflegt werden – frei von jeder Ideologie und mit einer Strahlkraft weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Reinhold Ludwig

  • GRASSI Museum für
    Angewandte Kunst
    Johannisplatz 5–11
    04103 Leipzig
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